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Physical First und Sensory Marketing: Warum Marken wieder fühlbar werden müssen

Man sieht eine Badebombe die in einem milchigen Wasser von einer Hand gehalten wird, in dem Wasser sind ebenfalls viele orangene Blüten

Nach Jahren maximaler Digitalisierung zeigt sich ein klarer Gegentrend: Menschen sind müde geworden vom endlosen Scrollen und von rein visuellen Markenwelten. Aufmerksamkeit ist heute extrem verteilt und kaum noch nachhaltig zu halten. 

Genau hier setzt ein neuer Ansatz an: Physical First. Statt noch mehr digitale Kontaktpunkte zu schaffen, investieren Marken wieder gezielt in Erlebnisse, die man anfassen, riechen oder fühlen kann. Ob strukturierte Verpackungen, Beileger mit besonderer Haptik oder Markendüfte – all das sorgt dafür, dass Marken nicht nur gesehen, sondern erlebt werden. Sensory Marketing ist die direkte Antwort auf diese digitale Übersättigung. 

Was ist Sensory Marketing eigentlich?

Sensory Marketing spricht gezielt mehrere Sinne an, um die Wahrnehmung und die emotionale Bindung zu festigen. Während Branding lange primär visuell gedacht wurde, verschiebt sich der Fokus hin zu einer Erfahrung, die über das reine Sehen hinausgeht. 

Dabei geht es nicht nur um physische Berührungspunkte wie die Verpackung oder den Handel. Auch digitale Kommunikation kann durch Sinnesreize bereichert werden – etwa durch Sound, eine strukturierte Bildsprache oder die gezielte Inszenierung von Materialien. Zentral ist, dass Marken nicht nur konsumiert, sondern bewusst wahrgenommen werden. 

Die 5 Sinne als unterschätzter Marketing-Faktor

Sehen, Hören, Fühlen, Riechen und Schmecken – jeder dieser Sinne beeinflusst, wie wir eine Marke im Gedächtnis behalten. Die eigentliche Chance liegt im Zusammenspiel: Werden mehrere Sinne gleichzeitig angesprochen, verstärken sich die Eindrücke gegenseitig. Das Ziel verschiebt sich von kurzfristiger Aufmerksamkeit hin zu einer Erinnerung, die bleibt. Statt „gesehen werden“ geht es darum, im wahrsten Sinne des Wortes greifbar zu werden. 

Eine Illustration eines menschlichen Profils in Dunkelblau, in dessen Kopf fünf bunte Kreise die menschlichen Sinne darstellen: Sehen (Auge), Hören (Ohr), Riechen (Nase), Schmecken (Mund) und Tasten (Hand). Rechts daneben steht eine kleine männliche Figur vor einem Hintergrund mit Zahnrädern und Wolken, was den Prozess der Wahrnehmung und Informationsverarbeitung symbolisiert

Bild: © Agility PR Solutions

Die Psychologie dahinter: Warum unser Gehirn Haptik liebt

  • Der Besitztumseffekt (Endowment Effect): Sobald wir ein Objekt physisch in den Händen halten oder eine Textur spüren, steigt für unser Gehirn sofort dessen subjektiver Wert. Wir entwickeln eine Bindung, die ein Bild auf einem Bildschirm nicht auslösen kann. 
  • Tiefenverarbeitung durch Multisensorik: Haptische Reize aktivieren mehr Gehirnareale als rein visuelle Eindrücke. Was wir anfassen, wird als „echter“ und vertrauenswürdiger eingestuft. Das sorgt dafür, dass sich die Marke langfristig im Gedächtnis verankert. 
Eine Illustration einer Frau mit geschlossenen Augen, umgeben von Symbolen für die fünf Sinne: Kaffeeduft (Riechen), Schallwellen an den Ohren (Hören), ein Stück Kuchen (Schmecken), Texturen unter den Händen (Tasten) und abstrakte Formen im Hintergrund (Sehen).

Bild: © CupShop

Digitaler Sinnestaumel: Wie man Texturen „sehen“ lernt

Ein häufiges Missverständnis ist, dass Sensory Marketing nur offline funktioniert. Doch gerade im digitalen Raum ist die visuelle Inszenierung von Sensorik ein wichtiger Hebel, um aus der Masse an Inhalten herauszustechen. 

Rhode – Textur als unmittelbare Brücke

Rhode arbeitet in den Inhalten auffällig oft mit einer Bildwelt, die an Essen, Genuss und Konsistenz erinnert. Der Punkt ist nicht nur, dass Produkte glänzend oder cremig aussehen, sondern dass sie visuell in ein Umfeld gesetzt werden, das sofort körperliche Assoziationen auslöst: süß, weich, reichhaltig. „buttery“und so fast schon essbar wirkt. Das passt zur Produktlogik der Marke, die mit Namen wie pbj, espresso, pretzeloder Barrier Butter arbeitet. Rhode nutzt diese Motive als direkten Zugang zu Gefühl und Textur.

Nahaufnahme einer Tube ‚rhode Peptide Lip Tint‘, die auf einer frisch glasierte Zimtschnecke auf einem cremefarbenen Teller liegt. Das Bild vermittelt eine Assoziation zwischen dem Lippenpflegeprodukt und dem süßen Geschmack des Gebäcks. Paradebeispiel für Sensory Marketing.

Bild: © Rhode

Jacquemus – alltägliche Motive als Kampagnenbilder

Jacquemus nutzt Essen und Früchte meist anders als Beauty-Brands:nicht zur Erklärung von Textur, sondern zur Inszenierung Welt, Stimmung und Absurdität. Die jüngste Banana-Kampagne rund um Jon Gries zeigt: Die Frucht wird zum visuellen Code für Farbe und Humor, Popkultur und Luxus. So entstehen Bilder, die im Gedächtnis bleiben, ohne wie klassische Produktwerbung zu wirken. 

Eine dreiteilige Bilderserie der Jacquemus-Kampagne, die Luxusmode mit dem Thema Frühstück kombiniert. Links: Ein Stapel Butterblöcke mit eingestanztem ‚JACQUEMUS‘-Logo neben goldenen Croissant-Skulpturen. Mitte: Eine geröstete Scheibe Brot mit gebranntem Logo in einer eleganten weißen Box. Rechts: Ein cremiges Stück Butter mit Logo-Prägung auf einem silbernen Streichmesser. Das Design nutzt warme Beigetöne und weiches Licht, um Textur und Genuss zu betonen.

Bild: © Jacquemus

Billie – Wenn Plakate plötzlich riechbar werden

Dass der Schritt zurück in die physische Welt wirkt, zeigt die Marke Billie. Sie erweiterte ein rein visuelles Medium, die Plakatwerbung, um den Geruchssinn: durch duftbeschichtete Poster im öffentlichen Raum. Über spezielle Flächen konnten Passanten den Duft passend zu den Produkten direkt vor Ort wahrnehmen. Aus einem klassischen Plakat wurde ein Erlebnis, das Menschen aktiv einbindet. Der Effekt: Passanten bleiben stehen und setzen sich mit der Marke auseinander. 

„Eine großformatige Plakatwerbung der Marke Billie, die eine extreme Nahaufnahme einer menschlichen Achselhöhle zeigt. Auf dem Plakat steht in weißer Schrift ‚SCRATCH and SNIFF‘ (Rubbeln und Riechen). Eine Passantin steht davor und berührt die Oberfläche, um die Duftprobe zu aktivieren.

Bild: © Billie

So können Marken den Trend konkret nutzen

Sensory Marketing muss nicht immer teuer sein. Oft sind es die kleineren, bewusst gestalteten Details, die den Unterschied machen. Für Marketing-Teams liegt die Chance in der Überarbeitung bestehender Punkte, um selbst vertraute Formate wie Anzeigen oder Mailings einprägsamer zu machen. 

Sensorik beginnt nicht erst im Store

In der Praxis beginnt der Ansatz oft schon bei der Gestaltung. Auch digitale Anzeigen können so aufgebaut sein, dass sie Materialien, Klang oder Geschmack visuell andeuten. Wer bewusst mit Nahaufnahmen, Texturen oder Sound-Design arbeitet, erzeugt einen Moment, in dem der Inhalt intensiver verarbeitet wird. 

Diese Touchpoints eignen sich besonders gut

Besonders wirksam ist Sensorik dort, wo Menschen einer Marke wiederholt begegnen: 

  • Verpackung und der Moment des Auspackens 
  • Produktvideos und Anzeigen in Social Media 
  • Beileger, Mailings oder PR-Sendungen 
  • Out-Of-Home-Kampagnen mit interaktiven Elementen 
  • Erlebnisse im Handel und auf Veranstaltungen 

Wichtig ist, dass der Reiz zur Marke passt. Ein Duft oder eine Haptik sollte die Markenwelt sinnvoll ergänzen, statt nur ein isolierter Effekt zu sein. 

Zwei hochwertige Produktverpackungen in Pastellgrün und Hellblau auf dunkelblauem Grund. Die Schachteln weisen eine markante Blindprägung in Form eines Fingerabdrucks auf, begleitet von dem Schriftzug ‚feel the touch‘. Das Design betont die haptische Beschaffenheit und das sensorische Erlebnis der Marke.

©Antalis UK

Gute Umsetzung ist nicht gleich mehr von allem

Starke Marken wählen meist sehr bewusst aus: Rhode arbeitet über Texturen, Apple über Sound, Billie über Duft. Hilfreich sind dabei drei Fragen: 

  1. Welcher Sinn passt glaubwürdig zu unserer Marke? 
  1. An welcher Stelle entsteht dadurch wirklich ein Mehrwert? 
  1. Was bleibt davon beim Gegenüber tatsächlich hängen? 

Was Marketing-Teams daraus mitnehmen sollten

Statt nur zu fragen, wie eine Kampagne aussieht, lohnt sich die Frage: Wie fühlt sie sich an? Welche Assoziation löst sie aus? Je austauschbarer digitale Kommunikation wird, desto wertvoller werden Erlebnisse, die sich echter und körperlicher anfühlen. Sensory Marketing ist die Antwort auf ein zentrales Problem: dass Sichtbarkeit allein oft nicht mehr ausreicht. 

Besucher in einem interaktiven Ausstellungsraum von Coca-Cola. Sie stehen an farbenfrohen, zylindrischen Stationen vor einer riesigen Videowand, die eine grüne Hügellandschaft mit schwebenden Blasen zeigt. Die Stationen dienen dem Testen von Düften und haptischen Reizen, um eine immersive Markenwelt zu schaffen.

©Local Projects

Warum Marken wieder gelernt haben, fühlbar zu sein

Der Gegentrend zur Digitalisierung bedeutet nicht „nur noch offline“. Wesentlich ist vielmehr, dass Marken digitale und physische Erlebnisse klug verbinden. Ob visuelle Texturen in Anzeigen, Sound-Design oder haptische Verpackungen – starke Marken schaffen heute mehr als nur Reichweite. Sie schaffen Erinnerung. In einer Welt, in der Inhalte immer schneller vergessen werden, gewinnen die Erlebnisse, die einen bleibenden Eindruck hinterlassen. 

TrendVie Trends – Marketing Author:in

Ayla Karadeniz

Ayla absolviert seit August 2024 ihre Ausbildung zur Kauffrau für Marketingkommunikation bei der TrendView. In ihrer Ausbildung sammelt sie praktische Erfahrungen in der Entwicklung und Umsetzung von verschiedenen Marketingkonzepten- und Strategien.

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